Mediensucht

11. Fachtag „Mediensucht“- Ein Pendeln zwischen krank und cool

Eine gute Mischung aus Action, Zuhören und Mitdiskutieren!

Ist die Mediennutzung Jugendlicher eher krank oder cool?

Nach einer kurzen Begrüßung durch Markus Gerstmann (ServiceBureau Jugendinformation), Regina Kühn (ReBUZ) und Liane Adam (LandesInstitut für Schule), ging es dann direkt hinein ins Thema. „Mediennutzung ist cool“, stellt Markus Gerstmann thesenartig fest und verweist auf Medien als digitale Helfer im Alltag, das Praktische am digitalen Nachrichtenempfangen und auf den kreativen Umgang, den Jugendliche mit Medien pflegen. Auf der anderen Seite steht jedoch die These „Mediennutzung ist krank“, denn es kann vorkommen, dass Mediennutzung zum selbstschädigenden Verhalten wird und Jugendliche sich isolieren. Deshalb kann es sinnvoll sein zu behaupten „Sucht muss präventiv behandelt werden“.

Ziel des Fachtages: Diese Thesen mit Leben und Fakten zu füttern und verschiedenste Positionen zusammenzutragen. Dafür boten die Vorträge der drei ReferentInnen an diesem Tag eine ordentliche Portion Diskussionsstoff.

Volles Programm auf dem Fachtag „Mediensucht“

Wie Medien den Alltag durchdringen, stellte Prof. Dr. Karsten D. Wolf (Universität Bremen, Leiter des Lab „Medienbildung/ Bildungsmedien“ am ZeMKI) in seinem Vortrag „Jugend in Zeiten einer tiefgreifenden Mediatisierung: Chancen & Herausforderungen“ heraus: Laut JIM-Studie nutzen 94% der Jugendlichen Whatsapp, 57% Instagram und 49% „Snapchat“ regelmäßig. Apps wie „Matrix“ oder „WolframAlpha“ können im Lernraum Schule bei Mathematikaufgaben unterstützend wirken. Es wird deutlich: Auch Lehr- und Lernprozesse verändern sich durch die Digitalisierung und dies erfordert eine Integration von digitalen Medien und eine kritische Auseinandersetzung mit diesen an Orten wie der Schule. Darauf reagiert auch die KMK (Kultusministerkonferenz) mit ihrem klaren Handlungskonzept „Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz“. Prof. Dr. Wolf zeigt, wie Menschen heutzutage in unterschiedlichen Lernbereichen Konnektivität umsetzen: einerseits über dieselben Medien, andererseits über bereichs-spezifische Medien. Alltägliche Phänomene seien zum Beispiel: die Datafizierung- Alles was wir im Netz machen, wird beobachtet und ausgewertet und die Innovationsgeschwindigkeit- Eine neue App folgt der nächsten.

Phänomene der Mediatisierung

Dann hieß es…5,4,3,2,1,los! Und die Wilde Bühne, die letztes Jahr den Ruder-Preis gewann, präsentierte humorvoll spontane Standbilder zu Stichworten wie „Kommunikationspraxis 2017“ und „digitale Selbstdarstellung“. In einer Kurzgeschichte aus ihrem Programm „Netzspannung“ griff die Wilde Bühne dann die Problematik des Cyber Mobbings und der Selbstinszenierung auf.

Bühne frei für die Wilde Bühne

Nach dem Mittagessen folgte der 2. Vortrag „Familie, Freundschaft & Schule“: Frau Dr. Katharina Lühring (VIGESCO Institut Emden) sieht als Gefahren der Mediennutzung u.a. die psychologischen Auswirkungen, die vor allem beim übermäßigem Mediengebrauch eintreten: Nervosität, Haltungsfehler oder Schlafstörungen. Potentiale bieten die neuen Medien allerdings ebenfalls, denn bei der Organisation, Kommunikation und Informationsbeschaffung stellen sie eine große Hilfe dar.

In darauffolgenden Diskussionen wird klar, dass neben technischer vor allem auch eine reflektierende Medienkompetenz erlernt werden muss. Das Problem der überforderten Eltern und der „elektronischen Fürsorge“ statt persönlicher Kontakt wird diskutiert und, die Präsenz der Frage „Wo sind die Grenzen zwischen Normal und Sucht“? Selbststeuerung und Selbstkontrolle, aktive und bewusste Mediennutzung- wie können Heranwachsende möglichst gut für diese Dinge vorbereitet werden? Pädagogen stehen vor diesen emotionalen und ethischen Aufgaben. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Medien zwar Suchtpotential haben, aber nicht unmittelbar als Suchtmittel auftreten.

Im 3. Vortrag „Internet-, Computer und Smartphonesucht im Jugendalter“ machte Chefarzt Hon. Prof. Dr. Christoph Möller (Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Auf der Bult- Zentrum für Kinder und Jugendliche) deutlich: Die Entwicklungspsychologie der Kinder verändert sich nicht, wohl aber ihre Bedingungen. Prof. Dr. Möller zeigt, wie Mediennutzung den Alltag von Kindern und Jugendlichen beeinflussen und beeinträchtigen kann. Mediensucht-gefährdet seien vor allem Personen deren ungünstige Entwicklungsbedingungen mit exzessiven Mediengebrauch einhergehen. Sie würden in der virtuellen Realität die Anerkennung und Belohnung bekommen, die sie in der realen Welt nicht finden.

Nach den anschaulichen informationsreichen Vorträgen, standen vier parallel verlaufende Workshops an. Bei „Hier wird dir geholfen! Aber wie? Beratungsarbeit“ stellen sich (Sucht-)Beratungsstellen vor und spielen das „Aufstiegsspiel“. Im Workshop „Smarte Pause – Smarte Kommunikation“ steht die Frage: „Handy in den Schulpausen- nein oder ja und wenn ja, wie?“ im Vordergrund. Zwischen „Krank“ und „Cool“ pendeln Teilnehmende des Workshops „Hey voll cool – Digitale Selbstinszenierung“, indem sie sich zu verschiedenen aktuellen Phänomenen positionieren. Mit ethischen Fragen im Digitalen beschäftigten sich Teilnehmer des vierten Workshops „Wo stehst du? Digitale Ethik und Perspektivestandorte“.

Der jährlich stattfindende Mediensucht-Fachtag ist eine Kooperationsveranstaltung des ServiceBureau Jugendinformation mit dem Landesinstitut für Schule LIS – Gesundheit und Suchtprävention und dem Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrum ReBUZ-Nord.
Der Fachtag wird unterstützt von der Bremischen Landesmedienanstalt und der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport.

Teilnehmer positionieren sich zwischen „Krank“ und „Cool“

 

Der Blick darauf, ob die Mediennutzung Jugendlicher krank oder cool ist, hat sich nach diesem Tag definitiv in irgendeiner Weise geschärft oder geweitet. Vielleicht kann sie ja auch krank und cool sein?

 

 

Autorin: Isabelle Duvekot