Bürgermedien

Perspektiven für den Bürgerrundfunk/Radio WeserTV – Zu den Ergebnissen der gemeinsamen Tagung von Medienrat und (bre(ma

Am 22.10.2016 fand im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus eine gemeinsame Klausurtagung von Mitgliedern des Medienrats und Mitarbeitern der Bremischen Landesmedienanstalt und des Bürgerrundfunks statt.

Hintergrund für den Beschluss des Medienrats eine Klausurtagung durchzuführen, war unter anderem auch der Umstand, dass Ende 2015 der langjährige Beauftragte für den Bürgerrundfunk Bremen und Bremerhaven, Uwe Parpart, nach 25 Jahren aus dem Amt ausschied. Aus verschiedenen Gründen stellte sich die Frage, wie es mit dem Bürgerrundfunk an den unterschiedlichen Standorten in Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven weitergeht inklusive der strukturellen Rahmenbedingungen. Daran schlossen sich auch grundsätzlichere Fragen nach der Bedeutung, den Potenzialen und der Zukunft des nichtkommerziellen Bürgerrundfunks in Zeiten des digitalen Wandels und des globalen Informationszeitalters an.

Die Klausurtagung wurde durch eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Mitgliedern des Medienrats und der Bremischen Landesmedienanstalt vorbereitet, wobei  5 Leitfragen formuliert wurden, die mit der Methode des „World Café“ bearbeitet werden sollten: Wer sind die Zielgruppen des Bürgerrundfunks Bremen (BR)? Wie lässt sich die Qualität des BR steigern? Welche Ziele soll der BR in Bremerhaven, Bremen-Nord und in Bremen haben? Wie kann sich der BR insgesamt attraktiver machen? Wie wünschen wir uns den BR im Jahr 2030? In weiteren Tagesordnungspunkten wurde ein Programmquerschnitt als auch Ideen aus dem Team des Bürgerrundfunks präsentiert und diskutiert.

Die Vorbereitungsgruppe versteht die Klausurtagung dabei als ersten Schritt, um Diskussionsprozesse zur Sicherung und Weiterentwicklung des Bürgerrundfunks anzustoßen, um davon ausgehend auch Schlüsse für die weitere Arbeit des Bürgerrundfunks/Radio WeserTV ziehen zu können. Dabei muss jedoch immer auch der finanzielle Rahmen und die personelle Ausstattung des Bürgerrundfunks im Blick gehalten werden, um realistische Entwicklungsziele formulieren zu können. Im Folgenden kann nicht auf alle einzelnen Debattenstränge eingegangen werden.  Aber es lassen sich zentrale, auch strittige Punkte benennen, die besonders im Fokus der Klausurtagung standen und die auch für die weitere Arbeit des Medienrats in Kooperation mit allen Beteiligten wichtige Impulse und Anregungen liefern.

Bürgerrundfunk als Medium der Zivilgesellschaft – alte und neue Zielgruppen

Der Bürgerrundfunk soll auch in Zukunft Impulse dafür liefern, dass die Zivilgesellschaft durch aktive mediale Beteiligung von Einzelnen oder Gruppen gestärkt wird. Er trägt so zu Demokratisierung, Partizipation, Vermittlung von Medienkompetenz und medialer Vielfalt im Land Bremen bei. Die TeilnehmerInnen der Klausurtagung bekennen sich zum Bildungs- und Ausbildungsauftrag des Bürgerrundfunks.

Verstanden wird der Bürgerrundfunk ebenfalls als „sozialer Raum“, der Menschen zusammenbringt und für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgt, weil direkt miteinander produziert und kommuniziert wird („face to face“). Ziel ist es, diesen kommunikativen und sozialen Aspekt des Bürgerrundfunks bewusster zu machen. Es gilt somit Strukturen zu schaffen, an denen mehr Menschen teilnehmen können, wo Interessierten Unterstützung angeboten wird, qualifizierte auditive bzw. visuelle Produkte zu erstellen.

Dabei müssen auch bislang nicht oder wenig erschlossene Nutzergruppen erreicht werden. In den Fokus rücken unter anderem Vereine/Verbände, Umweltinitiativen, interkulturelle Zielgruppen/migrantische Organisationen, aber auch die „Generation YouTube“.  Thematisiert wurde weiterhin ein Generationen- und Geschlechter-Gap: Es fehle vor allem an Beteiligungen von Frauen und der „mittelalten“ Generation. Angesprochen wurde in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Einbindung von Elternvereinen.

Bürgerrundfunk als Medium lokaler Identität und Debatten – „Charme mit Standards“

Aus Sicht der TeilnehmerInnen der Klausurtagung soll der Bürgerrundfunk sich insbesondere auf Aspekte der Entwicklung von Stadtgesellschaft, auf Fragen und Probleme im Quartier und Stadtteilebene orientieren. So können verstärkt lokale Themen und Positionen verbreitet werden, wie z.B. die Arbeit der Beiräte („Beiräte-TV“), um stadtteilbezogene Diskurse abzubilden.

Dabei wurde kontrovers diskutiert, ob und wie der Bürgerrundfunk auch einen „redaktionellen Auftrag“ erhalten und wahrnehmen könne oder ob ein solcher Auftrag dem Selbstverständnis als prinzipiell „Offener Kanal“ zuwiderläuft.

Eng verwurzelt vor Ort gewinnt der Bürgerrundfunk Charme, Qualität und Relevanz durch Nähe und Authentizität. Als Stärke des Bürgerrundfunks wurde angesehen, dass dieser nah an den Menschen vor Ort angesiedelt ist, die über ihre Umwelt, Interessen und Anliegen berichten; handwerkliche und technische „Perfektion“ sind dabei nicht notwendigerweise ein entscheidendes Kriterium, um die Akzeptanz von Bürgermedien zu steigern.

Bürgerrundfunk als digitale Kommunikationsplattform, zentrale/dezentrale Strukturen und Ausblick

Die TeilnehmerInnen der Klausurtagung halten fest, dass die strukturellen Rahmenbedingungen an den drei Standorten Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven unterschiedlich ausgeprägt sind. Zentralen Strukturen in Bremerhaven mit Funkhaus bzw. einem zentralen Studio in Bremen-Nord stehen dezentrale Strukturen in der Stadt Bremen gegenüber. Brauchen alle Standorte die gleichen Standards bzw. die gleiche „Hardware“? Angesichts der technischen Möglichkeiten durch die Digitalisierung wurde diese Frage ebenfalls kontrovers diskutiert und noch nicht abschließend bewertet. Es wurde aber betont, dass es begrüßenswert sei, vor allem an den ehemaligen Standorten der Bürgerrundfunks der Stadt Bremen (z.B. Schlachthof, Westend) weitere Kooperationen unter den Kulturinstitutionen, Hochschulen, Akteuren der Medienkompetenz-Netzwerke, politisch Interessierten und neuen Partnern wie z.B. „bremen next“  zu suchen und zu verstärken. Dafür ist ein Konzept notwendig, das konkrete Schritte und Entwicklungsziele aufzeigen kann.

Angeregt wurde darüber hinaus, auch durch die Mitglieder selbst in den derzeit 30 entsendenden Organisationen des Medienrats mehr Sichtbarkeit und eine höhere Sensibilität für die Belange des Bürgerrundfunks herzustellen. Es wurde die Notwendigkeit gesehen, die Öffentlichkeitsarbeit, Wahrnehmung und angemessene Selbstdarstellung des Bürgerrundfunks auszubauen, und dabei auch Soziale Medien und Netzwerke nicht zu vernachlässigen. Wichtig erscheint  es, dass sich der  Bürgerrundfunk auf der Höhe der medialen Entwicklung befindet. Der Bürgerrundfunk solle sich auch als mediale Plattform verstehen und die entsprechenden konzeptionellen Voraussetzungen schaffen, um auch stärker crossmediale Beiträge zu ermöglichen und zu senden.

Zentrales Ziel muss es sein, den Bürgerundfunk zu sichern und weiterzuentwickeln und einen Rahmen zu schaffen, in dem eine Kultur der Wertschätzung, Anerkennung, Kritikfähigkeit, Diskursfreude und Offenheit für Neues herrscht.

Die TeilnehmerInnen der Klausurtagung wollen dazu beitragen, dass der Bürgerrundfunk in Zukunft ein stärkerer Faktor in Bremen wird!

Sie möchten

  • kontinuierlich die Arbeit des Bürgerrundfunk als „critical friend“ begleiten,
  • sich für personelle und materielle Ausstattung einsetzen,
  • die Vernetzung und Potenziale der Strukturen in Bremen-Stadt vertieft diskutieren,
  • Möglichkeiten im Umfeld der hier vertretenen Einrichtungen und Organisationen suchen, den  Bürgerrundfunk zu unterstützen und zu stärken,
  • mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit schaffen und darüber diskutieren, wie eine neue Kommunikations- und Vernetzungsplattform zu den Bürgerinnen und Bürgern aussehen kann,
  • sich kontinuierlich im Medienkompetenzausschuss dem Thema widmen und daher diskutieren,  diesen Ausschuss  in Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgerrundfunk umzubenennen.