Neues Thema

Struwwelpeter-Pädagogik auf einem Elternabend

Mittwochabends in Bremen sitzen in einer Schule ca. 40 Eltern. Sie wollen auf dem Elternabend etwas zur Mediennutzung ihrer Kinder hören. Der Titel wurde vom Referenten etwas kompliziert formuliert: „Cyber-Stress & Cyber-Crime“ – Lust & Last mit den neuen Medien: Cyber-Mobbing, Cyber-Stalking & andere Attacken in Sozialen Netzwerken“

Der Referent ist Psychologe und in Bremen seit Jahren in einem anderen Arbeitfeld bekannt. Seinen Vortrag beginnt er mit seinem eigenen Lebenslauf. Seinen Berufseinstieg hatte er damals in den 70er Jahren, als die großen Psychatrieeinrichtungen in Bremen und anderswo aufgelöst und viele kleine Einrichtungen in allen Stadtteilen eröffnet wurden. An dieser Stelle schwenkt er auf die „neuen Medien“. Für den Referenten sind die „neuen Medien“ eine Art offene Psychiatrie

(Den Begriff „neue Medien“ benutzt er den ganzen Abend. Neue Medien gibt es nur für ältere Menschen, denn für alle anderen sind es die Medien die da sind… das Internet gibt es in dieser Form seit 1989).

Hier ein paar kritische Punkte aus dem Vortrag:

  • Im Laufe des Abends bringt er viele Beispiele aus seiner Arbeitspraxis mit Erwachsenen. So berichtet er z.B. über eine Frau, die auf dem Schwarzen Brett von bremen.de immer wieder Kontaktanzeigen schaltet und sich sieben Mal mit demselben Mann trifft, der aber immer mit unterschiedlichen Identitäten auftritt. Dieser Mann weiß nach jedem Treffen besser, welche Bedürfnisse die Frau hat und verbessert somit den Schreibstil seiner Anschreiben an die Frau. Die Frau sucht dann Hilfe bei dem Psychiater.
  •  Mark Zuckerberg ist für ihn ein Autist, denn nur ein Autist würde denken, dass man per Knopfdruck Freunde finden kann. Dass Facebook und deren Nutzer den Begriff Freunde auf der Plattform als synonym für Menschen nutzen, die sie kennen und mit denen sie weiterhin in irgendeiner Form in Kontakt bleiben möchten, wird in keinster Weise erwähnt. (Verweise auf Uhu, Tempo und always verkneife ich mir an dieser Stelle).
  • An späterer Stelle erwähnt er eine Studie aus England, dass 1/3 der Jugendliche sich selber mobben, damit sie Aufmerksamkeit bekommen. Diese Studie wird nicht weiter beleuchtet, mit anderen verglichen oder hinterfragt. Keine Fachkraft in Deutschland ist meines Wissens bisher auf diese Studie eingegangen. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-130630602.html

 

  • Mit aktuellen Medien kennt er sich leider nicht aus. Es tauchen wohl die Begriffe Instagram, WhatsApp, Tinder und Facebook auf, leider nur im Bezug auf Nutzung von Erwachsenen bzw. deren Denken über die Apps. Eine Betrachtung der jugendlichen Nutzung und deren Beweggründe finden nicht statt. Der aktuelle Hype von Jugendlichen um YouTube und ihre Stars wird nicht erwähnt.
  • YouNow wird als Katastrophe bezeichnet. Diese Gedanken kamen Anfang 2015 kurz hoch, weil die Möglichkeiten wirklich so sein könnten, aber YouNow selber hat sofort reagiert. Sie sind dem Verein FSM beigetreten, der mit anderen federführend im deutschen Jugendschutz tätig sind. Frau Dr. Nicola Döring hat im Frühjahr das jugendliche Nutzerverhalten im deutschsprachigen Raum untersucht und festgestellt, dass die Nutzung nicht den negativen Erwartungen entspricht. (http://www.nicola-doering.de/news/ )
  • Der Referent fordert, Smartphones an Schulen „großflächig zu verbieten“. Er meint damit, dass sie nicht mal zur Schule mitgebracht werden sollten und Eltern auch die Smartphone-Nutzung zuhause einschränken sollten. Sie stören beim Lernen, eine differenzierte Betrachtung erfolgt nicht. Er fordert die Eltern mit erhobenem Zeigefinger auf „Denken Sie mal nach“. Darüber hinaus fordert er die Eltern, massiv auf die Kinder einzuwirken, indem sie energisch die Smartphonenutzung abzulehnen haben, als hätten sie Schaum vor dem Mund, das muss den Kindern eingetrichtert werden.
  • Irgendwie kommt er dann auf einmal auf den Punkt, dass die Gefahren, wie Schwangerschaft und Pubertät, genauso sind wie beim Internet. Eltern sollten ihren Söhnen vermitteln „falls du ein Kind zeugst, bringe ich dich um“. Das müssen die Kinder wissen, sie sollen daran denken, wenn sie Sex haben.
  • Irgendwann erzählt er eine Anekdote über seinen Großvater. Dieser soll 1959 schon gesagt haben „ein Telefon kommt mir nicht ins Haus, dann besuchen mich keine Freunde mehr. Teufel! Er hat Recht gehabt“.
  • Auf spätere Fragen geht er nur rudimentär ein. „Ich kann ihnen nichts raten“, ist die ungenaue Antwort auf die Fragen, wie Eltern mit ihren Kindern im Bezug auf die Mediennutzung umgehen sollen. Der Satz bleibt so stehen und wird nicht weiter ausgeführt. Auf die Frage „wann fängt Sucht an?“, antwortet er „wenn sie sich Sorgen machen“. Er erklärt „sie müssen sich an das Kind wenden, wenn er/sie zu lange vor den Geräten sitzt und sie konfrontativ fragen „hast du eine Depression?“. Der Bremer Arbeitskreis Mediensucht arbeitet seit 10 Jahren interdisziplinär zu dem Thema. http://jugendinfo.de/mediensucht
  • Ein älterer Mann steht gleich nach dem Vortrag auf und äußert seine Meinung, dass Jugendliche sich sehr gut selber bzw. als Gruppe regulieren können und spricht ihnen Kompetenzen zu. Dem älteren Herrn fällt der Referent relativ schnell ins Wort, bedankt sich und relativiert ihn wieder mit einem Beispiel aus seiner praktischen Arbeit mit Erwachsenen.

Es könnten noch einige Punkte beschrieben werden, aber an dieser Stelle reicht es.

Für mich als Pädagoge und als Referent, der auch mit Eltern zum Thema arbeitet, stellt sich die Frage nach dem Ziel eines solchen Vortrags.

  • Einerseits werden alle digitale Medien und deren Benutzer disqualifiziert bzw. als krank und/oder kriminell bezeichnet. Wer die Mediennutzung bei seinen Kindern toleriert bzw. fördert, muss sich an diesem Abend schämen.
  • Aber noch schlimmer als diese Statements sind seine Erziehungstipps. Es ist schwarze Pädagogik und entspricht nicht dem heutigen Standard. In jeder Erziehungszeitung bzw. in Zeitungsartikeln wird die Thematik reflektierter gesehen als in diesem Vortrag.
  • Eine Schule, die solche Referenten einlädt, muss sich fragen lassen, inwieweit sie die Vorgaben der Bildungsbehörde (z.B. Masterplan Medienbildung) umsetzt und welche Verantwortung sie übernimmt bei einer Erziehung zu mündigen, selbstbewussten, demokratischen Bürgern, die auf das Leben und dessen vielfältigen Aufgaben vorbereitet werden sollen.
  • Was nehmen die Eltern an so einem Abend mit? Mit welchen Wünschen und Fragen kommen die Eltern? Was bringt es den Eltern für ihre Erziehung und möglichen Konfliktpunkten zwischen Ihnen und den Kindern? Werden Eltern entlastet oder belastet?

So bleibt mir nur zu sagen „Thema verfehlt, setzen.“

Ich bin gespannt auf eine Diskussion über Ziele, Inhalte und Qualitätskriterien bei der Elternarbeit.