Cybermobbing

Victim Blaming

Das Leben ist NICHT immer fair

Unter „Victim Blaming“ versteht man die „Täter-Opfer-Umkehr“. Das heißt, dass statt dem Täter dem Opfer die Schuld für eine Straftat gegeben wird. Die Unschuld des Opfers wird dabei in Frage gestellt oder relativiert und Betroffene erscheinen plötzlich als Täter. Der eigentliche Täter wird aus den Augen verloren, die Straftat wird auf gewisse Weise gerechtfertigt. Diese Art von Denken und Kommunizieren findet sich bei Privatpersonen aber auch in der Berichterstattung und in sozialen Medien wieder. Durch die Bildung einer breiten Online-Öffentlichkeit, in der jeder Einzelne frei und gleich öffentlich seine Meinung publizieren kann, wird diese „Opferbeschuldigung“ teilweise befeuert.

Das Phänomen „Victim Blaming“ wurde vor allem in Fällen von sexueller und physischer Gewalt gegen Frauen laut, spielt aber auch in alltäglicheren Situationen eine Rolle. In Fällen von sexuellem Missbrauch werden Kommentare abgelassen wie etwa „Kein Wunder, wenn das Mädchen so einen kurzen Rock trägt“ oder „Sie hat ja auch geflirtet“, kurz: „Selbst Schuld“. Und ist es nicht erschreckend, dass einem Menschen, der eigentlich Hilfe und Unterstützung, Verständnis und Bestätigung als Betroffener braucht, das Gefühl von Schuld gegeben wird? Dass Betroffene sich selbst Vorwürfe machen?

„Victim Blaming“ kann in mäßiger Form oft unbewusst auftreten, weil es zum Teil eine natürliche Reaktion ist. Wie kommt es dazu? Menschen wollen die Augen vor dem verschließen, was ihnen Angst bereitet. Gedanken wie „Ich hätte besser aufgepasst“, „Ich wäre weggelaufen“ kommen auf. Sprichworte wie „Der Mensch erntet, was er sät“ vermitteln ein Weltbild, dass die Welt gerecht darstellt: Jeder kriegt, was er verdient. Aber: Auch guten Menschen passieren schlechte Dinge. Außerdem: Menschen, die einem Täter nahe stehen, eventuell sogar mit ihm verwandt sind, wollen nicht wahr haben, dass dieser zu etwas Schrecklichem fähig ist. Dinge, die sich mit den eigenen Einstellungen und den bisherigen Erfahrungen nicht in Konsens bringen lassen, führen zu Unsicherheit. Es ist einfacher seine Meinung beizubehalten, als sie zu ändern.
Umstände für eine Straftat können begünstigt werden. Im einfachen Fall: Lasse ich mein Handy im Freibad offen herumliegen, ist es wahrscheinlicher, dass es geklaut wird. Aber nicht: „trage ich dazu bei, dass es klaut wird“. Wird es dann gestohlen, kann aber nicht dem Beklauten, sondern es muss dem Dieb die Schuld für die Straftat gegeben werden. Der Täter ist der eindeutig Schuldige, denn ohne ihn wäre das Handy nicht geklaut worden!

Beschuldigungen können im Netz fortgesetzt werden und ein beängstigendes Ausmaß annehmen, ähnlich wie beim Cybermobbing. Plattformen wie Facebook oder Twitter werden genutzt, um Betroffene zu demütigen. Onliner sollten bei öffentlichen Beiträgen aufpassen: Kritik am Verhalten des Opfers kann den Betroffenen erreichen und verletzen. Empathie sollte in jungen Jahren gefördert werden, Straftatenfälle in Schulen und Gesellschaft thematisiert werden und hinsichtlich dieser Thematik Medienkompetenz vermittelt werden. Jeder kann sich selbst reflektieren und Acht geben, dass er nicht zu pauschalisieren anfängt. Auch in der Berichterstattung über Straftaten sollten Worte vorsichtig gewählt werden. Sensationelle Überschriften, überflüssige Details und der Fokus auf das Opfer, können das Phänomen „Victim Blaming“ begünstigen. Denn: Formulierungen können ausschlaggebend dafür sein, was ein Leser zum Inhalt assoziiert. Also: Keine Sensationsberichterstattung! Straftaten-Geschichten sollten zudem von Medien nicht ausgenutzt werden, um die Klickrate zu steigern oder sein Unternehmen zu retten.

Allerdings – und das ist stark positiv zu werten- bieten gerade soziale Medien und generell Plattformen der Online-Kommunikation die Möglichkeit, dass Betroffene sich weltweit zum Teil anonym vernetzen können, sich über Erfahrungen austauschen können. Das Problematisieren von „Victim Blaming“ im Netz kann die Problematik entschärfen.

Isabelle Duvekot